Vielfalt bewahren

In den Nutzgärten unserer Urgroßeltern wurzelten Kulturpflanzen mit einer großen Sorten-Varietät – über Generationen weitergereicht und gehütet wie ein Schatz. Saatgut und Garten waren Lebensgrundlage und sicherten das Überleben für die ganze Familie, somit auch für eine intakte Umwelt mit geschlossener Nahrungskette und großem Artenreichtum.

Das Saatgut für das folgende Jahr wurde selbst gewonnen und die neue Pflanzen-Generation in eigenen Töpfen herangezogen. Es entwickelten sich Sorten mit besonderen Eigenschaften, die sich an die jeweiligen Standortbedingungen anpassen konnten. Saatgut wurde mit Nachbarn und Freunden getauscht. Kulturpflanzen wurden von Generation zu Generation weitergegeben, wodurch deren Erhaltung gesichert war. Eine riesige Sortenvielfalt entstand so, durch die Hände unserer Ahnen, über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg.

Zu Zeiten unserer Urgroßeltern gab es noch eine reiche Nutz- und Zierpflanzenvielfalt in all den gepflegten Hausgärten. Viele dieser Pflanzen, die man heute vergebens sucht, erfüllten beide Charaktere und waren Nutz- und Zierpflanze zugleich, z. B Haferwurzel, Schwarzwurzel, Schinkenwurzel,  Rapunzel-Glockenblume, Lein, Mohn, Tabak, Melde, um nur Einige zu nennen.

Die Grenzen zwischen Nutzpflanzen und Zierpflanzen sind jedoch sehr vage und liegen jeweils im Ermessen des Betrachters. Letzten Endes sind diese Grenzen nur Produkte unserer Phantasie. Manche Pflanzen werden uns wiederum über die Hintertüre nützlich, denn wenn man auch im kommenden Frühjahr wieder Bestäuber haben möchte, so brauchen Diese bis in den Herbst hinein ein reiches Nahrungsangebot für vitale Völker, bzw. Königinnen (Hummeln und andere Solitärinsekten). Auch die natürlichen Gegenspieler der Schadinsekten profitierten vom damaligen Artenreichtum an Wildpflanzen. Andere Pflanzen wiederum fanden und finden Verwendung als Heil- und Würzkraut.

Heute – gerade einmal 100 Jahre später – sind bereits 75% unserer Kulturpflanzen verloren gegangen – so die Aussage der Welternährungsorganisation FAO. Die lokalen Sorten – das so lange und gut gehegte Erbe und Kulturgut unserer Vorfahren – ist aus unseren Gärten oft unwiederbringlich verschwunden. Die alten Sorten überzeugten durch ihren Geschmack, durch ihre Robustheit oder durch ihre Standorteigenschaften, die sich über mehrere Pflanzengenerationen hinweg, an die örtlichen Gegebenheiten anpassen konnten. So manch einer erinnert sich vielleicht noch an das saftig, vollreife, süße Geschmackserlebnis der Tomaten aus Großmutters Garten oder an die süße Frische der Karotten. An den Salat, den man voller Vorfreude auf dem Teller erwartete oder an die gelben Kartoffeln mit ihrem nussigen Aroma oder sogar blaufleischigen Kartoffeln, wie z. B. die früher vermehrt kultivierte Regionalsorte „Odenwälder Blaue “.

Riesige Konzerne beherrschen heutzutage das globale Saatgutgeschäft. Ein kompliziertes Geflecht aus Wirtschaftsunternehmen und Politik, schreibt uns mittlerweile vor, was auf unseren Feldern angebaut werden darf und letztendlich auf unseren Tellern landet. Der Gemüsebauer nebenan darf nicht jedes beliebige Samenkorn in den Boden einbringen, sondern nur jene, die eine Zulassung besitzen und durch das zuständige Sortenamt freigegeben wurden. Der gewerbliche Anbau einer nicht zugelassenen, historischen Gemüsesorte aus Omas Garten und deren Verkauf zum Verzehr, stellt sogar eine Straftat dar!

Fast 70% des globalen Saatgutmarktes werden von gerade einmal 10 Unternehmen gesteuert. In jedem Supermarkt und in jedem Baumarkt finden wir die Produkte der großen Konzerne. Billige Saatguttütchen umwerben uns mit bunten Bildchen und versprechen uns ein erfolgreiches Gärtnern mit wundervollen Sorten-Eigenschaften. Die Bezeichnungen F1 und Hybrid sind kleingedruckt darauf zu lesen. Selbst Bio-Saatgut darf einen Hybrid beinhalten. Kaum ein neuzeitlicher Hobbygärtner macht sich darüber Gedanken. Doch solch ein Saatgut ist nicht samenfest, wodurch eine Saatgutgewinnung zum Nachbau der Sorte unmöglich wird. Die Eigenschaften der Hybridsorten kommen lediglich in der ersten Generation zum Tragen. Jedes Jahr aufs Neue muss nun künftig dieses Tütchen käuflich erworben werden, um diese Sorte in seinem Garten wurzeln zu lassen. Jedes Jahr aufs Neue erhält der Saatgutkonzern hierfür sein Geld. Eine gnadenlose Abhängigkeit zwischen Gärtner und Hersteller – aber ein überaus erfolgreiches Geschäftsmodell. Die Saatguthersteller haben sich schleichend in unseren Gärten breitgemacht, ihre Füße auf unseren Grund und Boden gesetzt und einen großen Teil der historischen Kultursorten verdrängt.

Stellen Sie sich doch bitte einmal vor, die Ägypter wollten die Pyramiden von Gizeh abreissen oder die Chinesen ihre Mauer. Einen Aufschrei des Entsetzens würde das weltweit zur Folge haben, verbunden mit der Forderung diese Weltkulturstätten der Nachwelt zu erhalten. Wegen der vielen Pflanzenarten, die über Jahrtausende kultiviert wurden und heute modernen Hybridsorten weichen müssen, kräht fast kein Hahn.

Sogar Patente auf natürlich vorkommende Gensequenzen werden mittlerweile von Unternehmen in einzelnen Ländern angemeldet. Die alleinige Entdeckung von natürlichen Genkombinationen wird als geistiges Eigentum Einzelner angesehen und als Erfindung patentiert. Das ist ein Monopol auf eine Pflanze, auf deren Saatgut und Kreuzungen, sowie auf daraus gewonnenen Rohstoffen und Produkten – ein Monopol auf Leben! Der Handel mit dem Saatgut wird in den jeweiligen Ländern kontrolliert und der Markt bestimmt. Landwirte und Züchter dürfen mit dem patentierten Saatgut nicht mehr arbeiten oder werden dafür zur Kasse gebeten. Politik und Gesetze öffnen selbst in der EU, für solche Patente auf Leben, Tür und Tor. Das ist Bio-Piraterie. Es gleicht dem Abstecken von Claims während des Goldrausches. Claims in Form von Gensequenzen. Patente versprechen Kontrolle und Macht, in der Hoffnung zukünftig das Monopol über wertvolle Ressourcen in der Tasche zu haben – mit noch nicht absehbaren Folgen für uns alle. Und das ist erst der Anfang!

Doch noch liegt es an uns und an jedem Einzelnen, ob er das Spiel der Großen weiterhin mitspielen möchte und bedenkenlos die bunten Samentütchen in seinen Einkaufswagen packt. Denn noch haben wir Zugriff auf alte, historische, samenfeste Nutzpflanzen. Engagierte Privatpersonen, Vereine und Organisationen setzen alles daran, die verbliebenen alten Sorten zu sammeln, zu vermehren und allen Interessierten zugänglich zu machen. Denn Saatgut in all seiner Vielfalt besitzt einen unschätzbaren Wert. Auch neue samenfeste Züchtungen werden nun schon über viele Jahre kultiviert und offiziell zugelassen, sobald diese den Vorschriften des Sortenamtes standhalten können. Jeder der diese Sorten künftig anbaut, soll auch die Möglichkeit haben, sein eigenes Saatgut für die nächste Generation zu gewinnen um dadurch ein Stück weit unabhängig zu bleiben. Saatgut muss leben, das heißt angebaut werden, um sich immer wieder neu anzupassen und diese Informationen an ihre Nachkommen weiterzugeben. Tiefkühlen in Saatgutbanken ist nur unzureichend erfolgversprechend, denn lebende Organismen müssen sich immer mit ihrer Umwelt austauschen und sich fortentwickeln können. Ein Neandertaler würde wahrscheinlich ein Problem mit seinem Immunsystem bekommen und krank werden, würde man ihn heutzutage auftauen und zum Leben erwecken.

 

Mittlerweile hat sich sogar eine regelrechte Saatgutbewegung und Kulturpflanzenrettung entwickelt. Immer mehr Saatgutfestivals, sowie Tauschbörsen für Saatgut und Pflanzen werden in Deutschland ins Leben gerufen. Und es kann gar nicht genug geben! Alte Sorten können erworben oder eingetauscht werden.